Apropos Bewerbungsgespräche

Zur Zeit bin ich aktuell mal wieder intensiv am Bewerben, auf der Suche nach einer neuen Festanstellung.

Wer mich kennt und meinen Lebenslauf kennt, weiß, dass ich über all die Jahre, in denen ich in der freien Wirtschaft unterwegs bin, schon einige Bewerbungen mitgemacht und demnach auch die unterschiedlichsten Bewerbungsgespräche erlebt habe. Das ist schon auch immer sehr spannend.

Wenn ich mich bei einer Firma schriftlich bewerbe hoffe ich immer sehr, schnell auf ein persönliches Gespräch eingeladen zu werden, was mir glücklicherweise doch auch oft gelingt. Dennoch bleibt die schwierigste Aufgabe, dass ich alleine über meinen Lebenslauf und dem Anschreiben, ein Bild von mir vermitteln kann, dass nicht nur interessant, sondern auch passend erscheint. Die Tatsache, dass mein Lebenslauf sehr viel unterschiedliches beinhaltet und vor allem aus meinen vergangenen Tätigkeiten nicht unbedingt geschlossen werden kann, was ich in Zukunft gerne mache, macht dies nicht gerade leicht.

Aber ich möchte hier jetzt nicht auf meinen Lebenslauf sondern auf die Bewerbungsgespräche eingehen, da ich gerade diese Woche einen interessanten Artikel im UNICUM-Karrierezentrum zu dem Thema las: Vorstellungsgespräch – Teuflische Fragen: So reagierst du im Bewerbungsgespräch

Interessant fand ich dabei vor allem den Abschnitt mit „Womit muss ich im Vorstellungsgespräch rechnen?“, denn über all die Jahre bin ich selbst auch mit allen möglichen Varianten solcher kniffliger Fragen immer wieder konfrontiert worden.

Das „Klassische Logikpuzzle“ ist dabei übrigens das, was ich am liebsten mache, weil mir solche Aufgaben Spaß machen. Vielleicht auch, weil sie eben „meist genau eine richtige Antwort haben“.

Auch bei der Vorbereitung auf Google Interviews (auf die ich mich dann letztlich doch nicht eingelassen habe) habe ich mich in der entsprechenden Literatur an solchen Aufgaben erfreut, wie früher, als ich als Kind gerne Rätsel gelöst habe. Der Rest, der in der Literatur als Empfehlung zu Bewerbungen bei solchen Unternehmen, wie Google, aufgeführt wird, hat mich hingegen sehr abgeschreckt: Viel spezifisches IT-Fachwissen, sowie viel akademische Mathematik und Informatik, welches ich so intensiv nicht einmal zu meiner Studienzeit gelernt und gekonnt hatte. Und für eine Bewerbung quasi ein eigenes Studium noch einmal hinzulegen, dafür hat man ja auch nicht die Zeit.

Interessanterweise wurde mir allerdings, wenn ich mich nicht täusche, so eine Logikaufgabe noch in keinem meiner bisherigen Bewerbungsgespräche gestellt.

Die „Schätzungen aus dem Stegreif“ hingegen habe ich öfters erlebt, wie z.B. die Frage, wie viele Smarties in einen Golf passen. Hierbei tue ich mich allerdings nicht so leicht. Als ich einmal zu einem Bewerbungsgespräch nach London eingeladen war, lautete die Aufgabe dort, ich solle schätzen, wie viele Klavierbauer es in New York gibt.

Ich gehe solche Aufgaben immer damit an, dass ich alles laut sage, was ich mir überlege, das ist schon einmal gut und richtig. Aber man merkt mir hier von Anfang an eine Unsicherheit an, weil ich mich nicht auf bekannte Größen oder Annahmen stützen kann, sondern alles selbst annehmen muss. In diesem Fall meinte ich, ich müsste als Ausgangspunkt die Einwohnerzahl New Yorks kennen, und dann wie viele privat Musiker sein könnten und ein Klavier haben könnte, und auch von der Anzahl von Theater und Bars mit Klavier, und noch weitere solche Überlegungen, damit ich von der Anzahl der Klaviere darauf schließen kann, wie hoch der Bedarf an Klavierbauern ist. Aber mir fehlten einfach jegliche Zahlen oder Größenannahmen, von denen ich ausgehen und tatsächlich auf eine Schätzung hätte kommen können. Schätzungen funktionieren nur, wenn man zumindest irgendwelche annähernd richtige Basiswerte annehmen kann. Bei der Aufgabe mit dem Auto und wie viel hineinpasst fand ich dies wesentlich leichter, weil man hier ein Grundgefühl hat, wie groß jeweils das eine oder andere ist.
Wenn ich das richtig verstanden habe, wird mit solchen Aufgaben versucht, herauszufinden, wie gut jemand Annahmen treffen kann und Einschätzungen vornehmen, welches für einen Budget- oder Ressourcen-Verantwortlichen sehr wichtig ist, z.B. als Projektleiter.

„Verfahrensfragen“ hingegen hab ich eher seltener erlebt, zumindest in der Form ganz allgemeiner Aufgabenstellung, allerdings in spezifischer auf die technische Situation ausgelegt, dann schon, wenn eine technische Aufgabe vorgelegt wurde und mein Ansatz dazu gefragt war.

„Tests des divergierenden Denkens“ habe ich noch gar nicht erlebt, bzw. ich verstehe hier auch nicht so ganz, was darunter gemeint ist.

Grundsätzlich finde ich es aber eigentlich ganz gut, dass Unternehmen in Bewerbungsgesprächen auch herausfinden wollen, wie Denkprozesse ablaufen und wie kreativ jemand ist. Problematisch finde ich es nur, wenn dabei diverse Unsicherheiten aufgedeckt werden, die leider vielleicht doch zu häufig in eine negative Beurteilung mit einfließen, ohne dass dies jeweils für die tatsächliche Arbeit vielleicht wirklich gerechtfertig wäre.

Besser ist es natürlich, interessante Kandidaten im tatsächlichen Arbeitsumfeld an tatsächlichen Job-relevanten Themen und Aufgaben zu testen. So lernen sich beide auf gleicher Augenhöhe kennen und man bekommt auch ein besseres Bild von den menschlichen und fachlichen Qualitäten, auf die gegenseitig Wert gelegt wird. Probe- und Schnuppertage waren für mich immer die beste Erfahrung und haben letztlich immer zu einem guten Job-Verhältnis geführt.

Stichproben, egal welcher Art, die im Bewerbungsgespräch geführt werden, beweisen hingegen weder, dass die Lücke, auf die man gestoßen ist, auf das restliche Wissen oder Können schließen lässt, noch, wenn man auf ein spezielles Wissen gestoßen ist, was sonst tatsächlich dahinter steckt, genau wie Schulnoten, die auch wenig über tatsächliche Qualitäten in den jeweiligen Fachbereichen aussagen. Ich war z.B. in der Schule unglaublich schlecht in Englisch (und spreche und schreibe es heute fließend) und habe zum Abitur auch in Mathematik nicht mehr meine ursprünglichen Leistungen vorweisen können, aber nicht, weil ich „schlecht“ in Mathematik sei, sondern weil mich diverse spezifische Themen hier nicht mehr interessiert haben.

Ein Bewerbungsgespräch ist ja ein Kennenlernen beiderseits und tatsächlich beurteile ich Unternehmen auch sehr nach der Art ihrer Auswahl- und Einstellungskriterien und dem Ablauf des Bewerbungsgesprächs.

Es ist wie in der Schule (und auch teilweise an der Universität), wenn man das Gefühl hat, eigentlich weiß ich es doch und kann’s doch eigentlich auch, aber der andere sieht es nicht, weil er genau die Antwort hören will, die er erwartet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s